Mit Gips am Arm und sichtbar verletztem Auge, war die häufigste Frage in den letzten zwei Wochen: Wie ist das denn passiert? Jede*r wollte wissen wie ich mir das eingehandelt hatte.

Ich erzählte die Geschichte viele Male, wieder und wieder. Retrospektiv verdeutlichte mir das wiederholende Berichten meines Unfalls den Prozess wie er beim Schreiben ist. Jedes Mal variierte und verbesserte ich die Erzählung. Einige Details ließ ich weg, an anderer Stelle gab ich ihnen mehr Platz oder erzählte sie in einer ganz anderen Reihenfolge. Ich glaubte beobachtet zu haben, dass im Verlauf der Änderungen meine Kommilitonen gebannter zuhörten, mitfühlten und mitlachten.

Akt I

Ich rollte auf dem Fahrradweg einer langen Hauptstraße den Berg hinab. Ich war auf dem Weg nach Hause, um mich rechtzeitig von Bianca (literatouristin.org) abholen zu lassen. Zusammen wollten wir nach Heidelberg zum Literaturcamp fahren.

Als ich auf die Kreuzung zu rollte, bremste ich leicht mit der Vorderbremse ab, diese war aber defekt und anstatt sachte zu bremsen, blockierte sie das Vorderrad vollends. Als wurde mir ein Stock zwischen die Speichen geworfen, flog ich über den Lenker und noch in der Luft, dachte ich “Oh Mist! Ich habe keinen Helm auf.” Ich sah wie der Kopfsteinpflaster näher kam, hatte unglaubliche Angst um meinen Schädel und knallte mit dem rechten Auge und der Nasenspitze auf den Boden. Ich überschlug mich noch irgendwie und lag dann unter dem Fahrrad.

Als ich die Geschichte das erste Mal erzählte, hatte ich an dieser Stelle aufgehört bzw. den ganzen anderen Rest in zwei, drei Sätzen heruntergespielt. Ich fühlte, dass die Geschichte zu kurz und nicht “rund” bzw. vollendet war. Ich erkannte, dass meine Erzählung nur bis zum ersten Akt kam. Also erzählte ich beim nächsten Mal schon mehr.

Akt II

In mehreren Versuchen schob ich das Fahrrad von mir runter und setzte mich auf, nur um mich gleich wieder hinzulegen. Das war mir alles zu anstrengend. Nacheinander tauchten mehrere Gesichter über mir auf. Alles besorgte Passantinnen, wovon eine meinen gesamten Unfall mitangesehen hatte.

»Sollen wir den Krankenwagen rufen?«, wurde ich gefragt.
»Nee. Ich glaub, den brauch ich nicht.«, antwortete ich und setzte mich auf.
»Bleib’ mal lieber liegen!«, redeten alle auf mich ein. Ich blieb aber sitzen und fasste mir an die Stelle am Kopf, an der sicher jetzt ein Loch sein müsste.
»Wie schlimm ist das?«, fragte ich in die Runde. Eine der Frauen beugte sich näher vor und begutachtete die Wunde.
»Ist nur ein Kratzer.«
»Okay. Gut.«, sagte ich und lächelte ihr zu. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig. Erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund und wandte den Blick von mir ab. »Oh mein Gott, wir müssen einen Krankenwagen rufen!«

Besorgt griff ich zum Handy, schaltete den Selfiemodus ein und sah mich an. Meine Zähne waren rot von Blut.

In der Tat waren meine blutroten Zähne mein persönlicher emotionaler Höhepunkt des gesamten Unfalls. Besorgt fragte ich mich was mit meinen Zähnen passiert war? Hatte ich sie mir ausgeschlagen? Hatte ich mich doch schlimmer verletzt als geglaubt? Durch das Einfügen eines Details, löste ich diesen Teil der Erzählung bzw. den zweiten Akt auf und leitete zum Ende und Akt drei ein. 

Akt III

Zur Begradigung meiner Zähne trug ich transparente Zahnschienen. Als ich mit dem Gesicht aufgekommen war, hatte ich mir im Mund die Lippen daran aufgeschlagen und das Blut hatte sich nun in den Schienen gesammelt. Das erschrockene Gesicht deswegen werde ich wirklich nicht so schnell vergessen.

Minuten später fuhr der Krankenwagen vor. Ich stand und lehnte mittlerweile an einer kleinen Mauer und begutachtete meine Verletzungen. Schürfwunden an Fuß, Knie, Hand, Ellbogen, Schulter und Gesicht. Volle Breitseite. Alles blutete und suppte. Zwei Sanitäter*innen kamen auf mich zu.

»Guten Tag! Wie geht’s ihnen?«, fragte er.
»Ganz gut
»Hatten sie einen Helm auf?«, fragte sie.
»Nee
»Waren sie bewusstlos?«
»Nein.«
»Welchen Tag haben wir denn heute?«
»Freitag.«
»Welches Datum?«
»Ehm … keine Ahnung. – Also weil ich das wirklich nicht weiß!«
»Mhm. Wer ist denn die Bundeskanzlerin?«
»Aaa … Angela Merkel.«
»Sollen wir sie ins Krankenhaus bringen?«
»Nee, ich glaub’ das ist nicht nötig. Das passt auch nicht, ich will nach Heidelberg.«
»Sie haben sich ja schon ziemlich verletzt.«
»Hmm, joa. Könnt ihr mir nicht die Wunden versorgen? Und wenn ich merke, dass es mir schlechter geht, dann kann ich ja immer noch ins Krankenhaus.«
»Das geht nicht. – Also, weil wir nichts zum Versorgen dabei haben.«
»Ehm, okaaay.« Ich überlegte einige Sekunden. »Okay, bringt mich hin. Ich kann mich ja dort versorgen lassen und dann ja immernoch gehen.«
»Gut, dann steigen sie mal ein.«

Im saß angeschnallt im Krankenwagen und bemerkte das etwas mit meinem rechten Ellenbogen nicht stimmte.

»Irgendwas stimmt nicht mit meinem Ellenbogen.«, sagte ich.
»Da gucken gleich die Ärzte drauf. – Haben sie ihr Krankenkärtchen dabei?«

Im Krankenhaus bemerkte ich wie mein Arm mehr und mehr blockierte. Er wurde geröntgt und daraufhin der Bruch festgestellt. Am oberen Ende der Speiche ist der Knochen glatt durch. Zwei Wochen Gipsschiene und sechs Wochen nicht belasten.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich ein bisschen “Alltags-Storytelling” gelernt habe. Es schadet nicht bei seinen eigenen Erlebnissen mal darauf zu achten wie man sie erzählt. Selbstverständlich habe ich den obigen Text so nicht eins zu eins erzählt, sondern jetzt für dich so aufgeschrieben. Schließlich sind Stimme und Körpersprache nochmal was anderes als Buchstaben. Aber so wie ich es oben beschrieben habe, ist es geschehen, auch wenn ich das ein oder andere Detail weggelassen habe. Zum Beispiel was mit meinem Fahrrad passiert ist, nachdem ich in den Krankenwagen stieg. Aber wenn ich die Geschichte gut erzählt habe, dann hast du dich das bis jetzt auch nicht gefragt. Aber es geht ja auch nicht immer darum ALLES zu erzählen, sondern nur das relevante.

Und ganz nebenbei, hat das Leben mal wieder bewiesen, dass es die besten Geschichten schreibt.

Persönliche Bitte: Fahre mit Fahrradhelm, egal wie doof er auf deinem Kopf aussieht! Nach diesem Erlebnis fahre ich jetzt nicht mehr ohne und ich hatte sehr viel Glück.

Schreibe mir was du dazu denkst!

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